Das Märchen vom Märchenturm

Der alte Transformatorenturm in Ulbersdorf war schon alt geworden und hatte schon vieles erlebt.

Er erinnert sich und erzählt:

„Als ich vor fast 100 Jahren gebaut wurde, sollte ich dazu dienen, den Menschen Freude zu bringen. Aus mir kam der elektrische Strom, der sicher auch irgendwo herkam, vielleicht aus einem Kraftwerk. In dunkler Nacht erhellte ich so die Zimmer und brachte Wärme in die Wohnungen. Auf den Dorfstraßen begleitete ich die Leute sicher nach Hause, und manches elektrische Gerät im Haushalt konnte nur durch mich funktionieren.

So freute ich mich riesig, dass ich gebraucht wurde. Ich wünschte mir, dass das ewig so währt und sich so der Sinn meines Lebens erfüllt. Meine Erbauer hatten dafür gesorgt,

auf festem Grund, mit festem Mauerwerk und einem festen Dach mein Dasein zu begründen. So konnten mir stets Wind, Sturm, Hagel, Schnee, Kälte, Regen und all’ die anderen Wettererscheinungen über Jahrzehnte nichts anhaben. Ich stand fest.

In meinem Inneren gab es einen riesigen Transformator, der den starken elektrischen Strom aus dem Kraftwerk schwächer machte, damit er den Menschen nicht schaden konnte. Es war dabei immer ein leises Brummen zu hören, es war immer irgendwie etwas warm, und so verspürte ich immer: Ich lebe!

Besuch bekam ich selten. Die Arbeiter sahen nur manchmal nach, ob noch alles in Ordnung ist. Sie schauten sich den Transformator an, ob er noch läuft, säuberten die Kontakte und reinigten das Gebäude.

Dann war ich wieder lange Zeit allein.

So war das nun eben mit meinem Dasein, es hatte aber einen Sinn.

Aber so ganz allein war ich nicht, denn so manches Tierchen versuchte, in meinen vier Wänden Unterschlupf zu finden. Die Wespen bauten Nester unter dem Dach, da war es ja auch schön warm. Fliegen, Spinnen und Ameisen gingen aus und ein, und manches

Vögelchen versuchte, ein Nest zu bauen.

Außen herum wuchsen Gräser und manches Unkraut, die Anwohner pflanzten Fichten, die mich streichelten. Und es gab auch einen Durchgang von der Dorfstraße zum Weg nach unten. Es war eine Abkürzung für die Bewohner der sogenannten Hobelspangasse.

Das Schönste aber war, dass ich stets einen weiten Blick auf das Dorf und in Richtung des Nachbarortes hatte, und ich wurde jeden Morgen von den Sonnenstrahlen geweckt, da ich ja doch ganz schön groß bin und über manches Gebäude vom Dorf hinausrage.

Was mir über all’ die Jahre meines Daseins nicht gefallen hat, war mein Äußeres. Anfangs sah ich neu aus, aber im Laufe der Zeit verblasste mein Anstrich, baulicher Veränderungen nagten an meinem Aussehen, im Kellergeschoss bröckelte der Putz von den Wänden, die eisernen Türen begannen zu rosten und am Dach lösten sich einige Ziegel.

Und so dachte ich: Das ist wohl der Lauf der Zeit und es geht abwärts mit meinem Dasein. Dann, so erfuhr ich auch noch, sollte ich wohl ausgedient haben, eine neue Trafostation sollte errichtet werden, und ich würde nicht mehr gebraucht werden.

Das war traurig.

"Dabei dachte ich immer, es wird schon nicht so schlimm werden und vielleicht auch nicht gleich, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Aber dann rückten eines Tages Bauarbeiter an, und ich hoffte, sie würden mein Aussehen verschönern und andere Verbesserungen durchführen, damit ich noch viele Jahre meine eigentlich Aufgabe erfüllen könnte.

Leider!

Es wurde nebenan auf der anderen Seite der Hobelspangasse ein Häuschen errichtet, und das sollte nun mein Nachfolger werden.

Es sah schön aus, aber es war eben viel kleiner und niedriger als ich. Das konnte doch gar nicht das erfüllen, was ich in meiner Größe vermochte.

Von den Bauarbeitern erfuhr ich dann auch noch, dass die Kabelverbindungen zum Stromnetz getrennt werden und der große Transformator in meinem Inneren ausgebaut werden sollte.

Es wurde auch so. Nachdem das neue Trafohäuschen fertig war und ans Stromnetz angeschlossen wurde, begann, was ich befürchtet hatte. Die Kabel wurden zerschnitten, von denen im Keller dann nur noch ein kleines Stück herausragte, und der große Transformator herausgerissen und abtransportiert.

Ich stand nun leer, hatte keine Verbindung mehr zur Außenwelt, auch kein Licht und keine Wärme.

Und wie es in meinem Inneren aussah! Da lagen die Abbruchreste nur so herum: Schrauben, Unterlegscheiben, Kabelstücke, Ziegel- und Mauerwerk, alter Putz.

An den Wänden hingen Reste von Kabelhalterungen, Fenster und Lüftungsöffnungen waren unbrauchbar, und ansonsten bestand eine gähnende Leere, es roch muffig. Die Türen konnte man kaum noch öffnen, und außen begann ich, durch Unkraut zuzuwachsen.

Die drei Etagen, die es noch gab, waren leer, trostlos und verschmutzt.

So konnte und wollte ich nicht mehr leben."

„So stand ich lange Zeit da, nackt, kahl und ungepflegt.



Keiner interessierte sich mehr für mich. Und manche Vorübergehenden sagten sogar, dass man mich abreißen müsste. Ich sei ein Schandfleck für das Dorf. Viele Leute schauten verächtlich auf mich und schimpften auf meine früheren ‚Herren’, die sich nicht mehr um mich kümmern würden. Solche und ähnliche Dinge musste ich mir anhören und miterleben. Aber eigentlich konnte ich ja gar nichts dafür.

Nein, so wollte ich nun wirklich nicht mehr leben! Deshalb ergab ich mich einfach meinem Schicksal.

Und dann geschah etwas Unerwartetes:

Es war ein schöner Herbstag, und wie immer kam ein älterer Herr mit seinem Neufundländer vorüber, schaute mich an und sagte irgend etwas vor sich hin, so ähnlich wie, aus dem Turm könnte man doch was machen oder so.

Ich schöpfte Hoffnung, weil sich doch noch jemand für mich zu interessieren schien.

Und immer wieder, wenn der ältere Herr mit seinem Hund in den nächsten Tagen vorbeikam, lauschte ich auf irgend ein Zeichen oder eine einfache Regung. Nichts geschah, doch erst viel später hörte ich von den Bemühungen, von dem Ringen und den Kampf um mich, denn der ältere Herr mit seinem Hund wollte mich wirklich wieder zu einem neuen Leben erwecken.

Hoffnung und Freude kamen in mir auf“.

„Bis ich so aussehen konnte, wie ich heute dastehe“, erzählte der alte Turm weiter, „sollten 4 lange Jahre vergehen“.

„Als der ältere Herr mit dem Neufundländer damals den Antrag an die Stadtverwaltung stellte, mich zu erwerben, wusste keiner, wie das alles einmal so werden sollte und ob überhaupt eine Chance für meine Zukunft bestehen würde. Es stellte sich irgendwie heraus, dass ich angeblich auf 3 verschiedenen Grundstücken gebaut wurde, deren Grenzen durch mein Gemäuer verliefen. Da sagten die Mitarbeiter der Verwaltung, dass einfach eine Neuvermessung erfolgen muss, und dann kann es mit dem Ausbau losgehen. Auch müssten Stadt- und Ortschaftsrat zustimmen, und vor allem müssten die Grundstückseigentümer ihr Einverständnis erklären. Die Sache mit dem Eigentum der Grundstücke war aber dann doch ganz anders: Alle drei gehörten nämlich der Stadt, nur die Anlieger rechts und links vom Turm nutzten schon seit vielen Jahrzehnten die Flächen. Und so entstand ein langer Streit um die Lösung der ganzen Angelegenheit, der aber glücklich endete. Allein die Vermessung dauerte anschließend noch 2 Jahre, bis dann der neue Eigentümer feststand.

Es war der ältere Herr mit dem Neufundländer.

Nun schöpfte ich Hoffnung auf ein neues Leben, denn ich erfuhr von ihm, dass ich zwar kein Trafoturm mehr sei, dafür aber ein Märchenturm.

Keine Ahnung, was das sein sollte, dachte ich so für mich hin, aber ich war nun einfach wieder froh, dass es weitergehen sollte und ich einen neuen Lebensinhalt haben würde.

Eines schönen Tages begann es dann auch.

Die Zugangstüren wurden gängig gemacht, das Umfeld wurde gesäubert, im Inneren erfolgten die Abrissarbeiten der alten Reste der Leitungen und die Beseitigung von lästigem Bauschutt.

Aber ich war immer noch im Ungewissen, was das nun mit dem Märchenturm auf sich haben sollte. Bis dann einmal die Sache etwas Gestalt annahm, denn der ältere Herr war mit seiner Frau zu mir gekommen. Ich weiß heute noch, was sich die beiden über mein zukünftiges Aussehen alles so ausdachten. Zum Beispiel...“.

„Zum Beispiel könnte man“, so schlug seine Frau vor, „einen Leuchtturm mit Leuchtfeuer und Nebelhorn aus mir machen. Ausgestalten könnten wir den Turm mit Strandgut, Muscheln, Algen, Korallen, Meer, Felsen, und Brandung. Eine Meerjungfrau findet sicher auch ihren Platz. In Sebnitz, der nahe gelegenen Stadt, gibt es ein Afrika- und das Fischerarthaus mit vielen bunten Bildern an der Hauswand, warum denn nicht in Ulbersdorf einen Leuchtturm. Außerdem könnte die Geschichte vom Fischer und seiner Frau eine Rolle spielen.

Der ältere Herr aber wandte ein, so was passt nicht in ein Dorf. Ja, wenn wir am Meer wären, könnte man das verstehen.

Also verwarfen sie diese Idee.

Dann viel das Stichwort Atlantis. Aber Atlantis ist untergegangen, so erzählt die Sage, ich stehe aber noch da.

Auch dieser Gedanke wurde verworfen.

Wieder eine Idee: Eine individuelle Bar in mehreren Etagen gibt es vielleicht noch nicht.

Der ältere Herr meinte, das artet als Gaststätte aus und ist nur Erwachsenen zugängig. Es müsste etwas sein, das alle Altergruppen nutzen können und Freude daran haben.

Dann fiel der Begriff Spielcasino mit Lasershow. Man muss ja nicht gleich an Montecarlo denken, aber irgendwie gefiel mir dieses Vorhaben etwas. Da gibt es Leben in den Räumen, aber dann dreht es sich eigentlich immer nur um Geld, Gewinn und Reichtum.

Den beiden gefiel die Sache auch nicht so richtig.

Und dann die Geschichte mit dem Hungerturm. Was sollte man daraus machen? In unsere Zeit passt ein Hungerturm nicht mehr. Es sei denn man siedelt ihn in das Mittelalter an. Aber viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt es dabei nicht.

Auch wieder verworfen.

Gruselturm war dann der neueste Schrei. Gespenster, Klapptüten, Türgong, Spinnennetze, knarrende Türen und Skelette, rollende Totenköpfe nach der Version: Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen!

Das Ansinnen lässt nur einen begrenzten Bereich zu. So die Meinung der beiden.

Wieder abgelehnt!

Ein neuer Gedanke kam auf: Trödelturm. Alles Alte und Mögliche könnte hier ausgestellt werden. Wer möchte, kann seinen Trödel vorbeibringen und verkaufen, oder erwerben, wonach er schon lange gesucht hat.

Das war aber auch nicht das Richtige.

Westernsalon mit Klapptüren passte nicht in unser Land.

Hartnäckig hielt sich in unserem Dorf, so erfuhr ich später, das Gerücht mit dem ,Wachturm’. Der ältere Herr und seine Frau würden wohl beabsichtigen, diese Sache anzustreben, vielleicht in Verbindung mit einem Türmer und Nachtwächter.

Das war Unsinn.

Auch Diskoturm spielte eine Rolle.

Dann aber kam endlich die befreiende Lösung: Ein Märchenturm...!“

Der alte Turm freute sich, dass nun Schluß war mit der Ungewissheit, und er begann, sich selbst Gedanken zu machen, wie man ihn gestalten könnte.

In seinen einsamen Stunden malte er sich aus, wie schön es sein würde, bunt und farbenfreudig auszusehen, nicht so trist, grau und unansehnlich, wie er jetzt noch aussah.

„Und dann Märchen, da lässt sich doch wirklich so vieles machen, dass einem die Ideen nicht ausgehen“, sagte er sich und wartete gespannt, wie es nun weitergeht.

Dabei wusste er nicht, dass sich viele Kinder schon lange überlegt hatten: Hier müssen z. B. solche Märchen wie Hänsel und Gretel, Hase und Igel, Dornröschen, die Bremer Stadtmusikanten, Froschkönig, Frau Holle, Rapunzel, Rumpelstilzchen, die sieben Raben und viele andere Märchen eine Rolle spielen.

Die Kinder des Kindergartens im Dorf malten sie alle auf ein Blatt Papier, schön wie Kinderzeichnungen aussehen. Und viel später, beim Fest der Märchen, wurden sie im Turm ausgestellt.

Auch hatten sich die Erwachsenen überlegt, dass es nicht nur Märchen für Kinder gibt.



„Wieder einmal kam der ältere Herr mit seiner Frau zu mir“, so erzählte der Turm weiter, „und da war, Spinnstunde’ angesagt.“

„Wir machen einen Turm der Tiere aus dem Gebäude“, hörte er plötzlich vollkommen neu.

„Was wollen die denn nun eigentlich, die müssen sich doch mal entscheiden, so kann man doch nicht stets von einem Gedanken zum anderen reisen!“, war er ärgerlich.

„Und dann die Idee vom Nachtwächterturm, die war der Höhepunkt der Spinnerei“, wurde er noch ärgerlicher.

„Treppenlift, Fahrstuhl, Wendeltreppe, Parkplatz, Solarheizung, Schlafgelegenheiten, Außenbeleuchtung mit Scheinwerfer, Fernsehempfangsanlage usw. waren die neuesten Überlegungen der beiden. Ich wurde irgendwie die Idee nicht los, die wollen aus mir doch keinen Märchenturm, sondern ein kommerziell genutztes Objekt wie ein Hotel machen.

Ich war froh, als die beiden wieder nach Hause gingen, denn sonst wären ihnen vielleicht noch schlimmere Dinge eingefallen“.

„Endlich wieder allein!“, beruhigte er sich!

„Und dann ging es los, ein Gerüst wurde gesetzt, die Schäden an der Außenwand wurden beseitigt, die Fassade erhielt einen farbigen Grundanstrich, ein Graffitikünstler versah alle 4 Seiten mit Märchenmotiven. Die Bremer Stadtmusikanten und der Froschkönig als Silhouette wurden die Attraktion. Das Dach besserte ein Fachmann aus und verzierte es mit Hase und Igel aus Edelstahl als sich im Wind drehende Wetterfahne.
Fertig, dachte ich, so gefalle ich mir und vielleicht auch den Leuten, die mich viel lieber abgerissen hätten.
Aber dann war lange Zeit Ruhe.


„ ‚Hallo, ich bin noch da’, sagte ich zu den anderen Leuten, die sich irgendwie an mir zu schaffen machten, ‚wie geht es denn nun und wann endlich weiter mit mir?’ Ich war sehr ungeduldig geworden. Aber das hatte alles nur den Anschein, als würde nichts passieren.
Ich erfuhr jedenfalls irgend etwas von einem Wettbewerb, den es in unserem Land geben sollte, durch den man Objekte verschönern und ausbauen kann. Und tatsächlich hatte sich der ältere Herr auf anraten vieler Fürsprecher aus dem Ort und der Umgebung beworben, nahm am Wettbewerb „Nischt los im Dorf, dann mach was!“ teil und .... gewann der 1. Preis.
Da kam eines schönen Tages ein Architekt und begann, mich zu vermessen nach Höhe, Räumlichkeiten, Mauerstärke, Öffnungen, Türen und noch anderes.
Wollten die mich umbauen? Warum konnte ich nicht einfach so bleiben wie ich jetzt war? Das waren meine Gedanken, die mich Tag und Nacht bewegten.“




Fortsetzung folgt!

R. Christoph
„Märchenturm Ulbersdorf e.V.“