Das Märchen vom Märchenturm
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Der alte Transformatorenturm in Ulbersdorf war schon alt geworden und hatte schon vieles erlebt.
Es war der ältere Herr mit dem Neufundländer. Nun schöpfte ich Hoffnung auf ein neues Leben, denn ich erfuhr von ihm, dass ich zwar kein Trafoturm mehr sei, dafür aber ein Märchenturm. Keine Ahnung, was das sein sollte, dachte ich so für mich hin, aber ich war nun einfach wieder froh, dass es weitergehen sollte und ich einen neuen Lebensinhalt haben würde. Eines schönen Tages begann es dann auch. Die Zugangstüren wurden gängig gemacht, das Umfeld wurde gesäubert, im Inneren erfolgten die Abrissarbeiten der alten Reste der Leitungen und die Beseitigung von lästigem Bauschutt. Aber ich war immer noch im Ungewissen, was das nun mit dem Märchenturm auf sich haben sollte. Bis dann einmal die Sache etwas Gestalt annahm, denn der ältere Herr war mit seiner Frau zu mir gekommen. Ich weiß heute noch, was sich die beiden über mein zukünftiges Aussehen alles so ausdachten. Zum Beispiel...“. „Zum Beispiel könnte man“, so schlug seine Frau vor, „einen Leuchtturm mit Leuchtfeuer und Nebelhorn aus mir machen. Ausgestalten könnten wir den Turm mit Strandgut, Muscheln, Algen, Korallen, Meer, Felsen, und Brandung. Eine Meerjungfrau findet sicher auch ihren Platz. In Sebnitz, der nahe gelegenen Stadt, gibt es ein Afrika- und das Fischerarthaus mit vielen bunten Bildern an der Hauswand, warum denn nicht in Ulbersdorf einen Leuchtturm. Außerdem könnte die Geschichte vom Fischer und seiner Frau eine Rolle spielen. Der ältere Herr aber wandte ein, so was passt nicht in ein Dorf. Ja, wenn wir am Meer wären, könnte man das verstehen. Also verwarfen sie diese Idee. Dann viel das Stichwort Atlantis. Aber Atlantis ist untergegangen, so erzählt die Sage, ich stehe aber noch da. Auch dieser Gedanke wurde verworfen. Wieder eine Idee: Eine individuelle Bar in mehreren Etagen gibt es vielleicht noch nicht. Der ältere Herr meinte, das artet als Gaststätte aus und ist nur Erwachsenen zugängig. Es müsste etwas sein, das alle Altergruppen nutzen können und Freude daran haben. Dann fiel der Begriff Spielcasino mit Lasershow. Man muss ja nicht gleich an Montecarlo denken, aber irgendwie gefiel mir dieses Vorhaben etwas. Da gibt es Leben in den Räumen, aber dann dreht es sich eigentlich immer nur um Geld, Gewinn und Reichtum. Den beiden gefiel die Sache auch nicht so richtig. Und dann die Geschichte mit dem Hungerturm. Was sollte man daraus machen? In unsere Zeit passt ein Hungerturm nicht mehr. Es sei denn man siedelt ihn in das Mittelalter an. Aber viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt es dabei nicht. Auch wieder verworfen. Gruselturm war dann der neueste Schrei. Gespenster, Klapptüten, Türgong, Spinnennetze, knarrende Türen und Skelette, rollende Totenköpfe nach der Version: Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen! Das Ansinnen lässt nur einen begrenzten Bereich zu. So die Meinung der beiden. Wieder abgelehnt! Ein neuer Gedanke kam auf: Trödelturm. Alles Alte und Mögliche könnte hier ausgestellt werden. Wer möchte, kann seinen Trödel vorbeibringen und verkaufen, oder erwerben, wonach er schon lange gesucht hat. Das war aber auch nicht das Richtige. Westernsalon mit Klapptüren passte nicht in unser Land. Hartnäckig hielt sich in unserem Dorf, so erfuhr ich später, das Gerücht mit dem ,Wachturm’. Der ältere Herr und seine Frau würden wohl beabsichtigen, diese Sache anzustreben, vielleicht in Verbindung mit einem Türmer und Nachtwächter. Das war Unsinn. Auch Diskoturm spielte eine Rolle. Dann aber kam endlich die befreiende Lösung: Ein Märchenturm...!“ Der alte Turm freute sich, dass nun Schluß war mit der Ungewissheit, und er begann, sich selbst Gedanken zu machen, wie man ihn gestalten könnte. In seinen einsamen Stunden malte er sich aus, wie schön es sein würde, bunt und farbenfreudig auszusehen, nicht so trist, grau und unansehnlich, wie er jetzt noch aussah. „Und dann Märchen, da lässt sich doch wirklich so vieles machen, dass einem die Ideen nicht ausgehen“, sagte er sich und wartete gespannt, wie es nun weitergeht. Dabei wusste er nicht, dass sich viele Kinder schon lange überlegt hatten: Hier müssen z. B. solche Märchen wie Hänsel und Gretel, Hase und Igel, Dornröschen, die Bremer Stadtmusikanten, Froschkönig, Frau Holle, Rapunzel, Rumpelstilzchen, die sieben Raben und viele andere Märchen eine Rolle spielen. Die Kinder des Kindergartens im Dorf malten sie alle auf ein Blatt Papier, schön wie Kinderzeichnungen aussehen. Und viel später, beim Fest der Märchen, wurden sie im Turm ausgestellt. Auch hatten sich die Erwachsenen überlegt, dass es nicht nur Märchen für Kinder gibt. „Wieder einmal kam der ältere Herr mit seiner Frau zu mir“, so erzählte der Turm weiter, „und da war, Spinnstunde’ angesagt.“ „Wir machen einen Turm der Tiere aus dem Gebäude“, hörte er plötzlich vollkommen neu. „Was wollen die denn nun eigentlich, die müssen sich doch mal entscheiden, so kann man doch nicht stets von einem Gedanken zum anderen reisen!“, war er ärgerlich. „Und dann die Idee vom Nachtwächterturm, die war der Höhepunkt der Spinnerei“, wurde er noch ärgerlicher. „Treppenlift, Fahrstuhl, Wendeltreppe, Parkplatz, Solarheizung, Schlafgelegenheiten, Außenbeleuchtung mit Scheinwerfer, Fernsehempfangsanlage usw. waren die neuesten Überlegungen der beiden. Ich wurde irgendwie die Idee nicht los, die wollen aus mir doch keinen Märchenturm, sondern ein kommerziell genutztes Objekt wie ein Hotel machen. Ich war froh, als die beiden wieder nach Hause gingen, denn sonst wären ihnen vielleicht noch schlimmere Dinge eingefallen“. „Endlich wieder allein!“, beruhigte er sich! „Und dann ging es los, ein Gerüst wurde gesetzt, die Schäden an der Außenwand wurden beseitigt, die Fassade erhielt einen farbigen Grundanstrich, ein Graffitikünstler versah alle 4 Seiten mit Märchenmotiven. Die Bremer Stadtmusikanten und der Froschkönig als Silhouette wurden die Attraktion. Das Dach besserte ein Fachmann aus und verzierte es mit Hase und Igel aus Edelstahl als sich im Wind drehende Wetterfahne. Fertig, dachte ich, so gefalle ich mir und vielleicht auch den Leuten, die mich viel lieber abgerissen hätten. Aber dann war lange Zeit Ruhe. „ ‚Hallo, ich bin noch da’, sagte ich zu den anderen Leuten, die sich irgendwie an mir zu schaffen machten, ‚wie geht es denn nun und wann endlich weiter mit mir?’ Ich war sehr ungeduldig geworden. Aber das hatte alles nur den Anschein, als würde nichts passieren. Ich erfuhr jedenfalls irgend etwas von einem Wettbewerb, den es in unserem Land geben sollte, durch den man Objekte verschönern und ausbauen kann. Und tatsächlich hatte sich der ältere Herr auf anraten vieler Fürsprecher aus dem Ort und der Umgebung beworben, nahm am Wettbewerb „Nischt los im Dorf, dann mach was!“ teil und .... gewann der 1. Preis. Da kam eines schönen Tages ein Architekt und begann, mich zu vermessen nach Höhe, Räumlichkeiten, Mauerstärke, Öffnungen, Türen und noch anderes. Wollten die mich umbauen? Warum konnte ich nicht einfach so bleiben wie ich jetzt war? Das waren meine Gedanken, die mich Tag und Nacht bewegten.“ Fortsetzung folgt! |
R. Christoph
„Märchenturm Ulbersdorf e.V.“